Lions-Club-Präsident Walter Huhn (gelbe Jacke) überreicht Martina Zimmer (6.v.l.) vom Malteser-Hospizdienst und der Pfarreiratsvorsitzenden Marita Gesthüsen (5.v.l.) einen Scheck in Höhe von 5000 Euro für den geplanten Kinderspielbereich auf dem Sonsbeck Friedhof. Foto: Olaf Ostermann (00)
Sonsbeck/Xanten · Lachen und toben auf einem Friedhof? Lange schien das an dem Ort der Stille undenkbar. „Doch Kinder trauern anders als Erwachsene“, sagt Martina Zimmer vom Malteser Hospizdienst. In Sonsbeck soll ihnen nun Raum dafür geschaffen werden.
Kinder trauern anders, weiß Martina Zimmer vom Malteser Hospizdienst. „Sie verharren nicht so lange in einem Gefühlszustand wie Erwachsene. Weinen und Lachen, Traurigkeit und Spiel können sich bei Kindern stattdessen schnell abwechseln“, erklärt sie. Die Trauerbegleiterin findet zwei psychologische Metaphern hierfür ganz passend: Statt in tiefen „Trauerseen“ zu versinken, springen Kinder kurz in „Trauerpfützen“ hinein, lassen ihren Emotionen freien Lauf, und springen genauso schnell wieder heraus, um sich am Leben zu erfreuen. Auf den meisten Friedhöfen jedoch finden Kinder nicht den geeigneten Raum, um dieser Form der Trauerbewältigung freien Lauf zu lassen. Auf dem Friedhof in Sonsbeck soll sich das ändern. Dort plant der Malteser Hospizdienst am Niederrhein zusammen mit dem Pfarreirat und dem Pastor der Katholischen Kirchengemeinde, eine Kinderspielecke zu errichten. Einen Großteil des Geldes für das Projekt steuert der Lions-Club Xanten bei.
Geplant ist beispielsweise ein „Tic Tac Toe“-Spiel mit drehbaren Würfeln. „Auf der einen Seite befinden sich Gefühle der Trauer wie Wut, die durch Tiersymbole dargestellt werden“, erzählt Zimmer. „Auf der anderen Seite werden Bewältigungsstrategien aufgeführt.“ Die kommen nicht von Erwachsenen. Die Strategien haben Kinder zwischen fünf und 15 Jahren erarbeitet, die selbst den Verlust eines geliebten Menschen verarbeiten müssen und sich monatlich im Xantener Evan in kostenfreien, offenen Trauergruppen des Hospizdienstes treffen. „Ein Jahr lang haben sich die Kinder und Jugendlichen damit befasst, welche Gefühle sie durchleben, was ihnen guttut und was nicht“, erklärt Martina Zimmer.
Deutlich wurde dabei immer wieder: „Kinder begreifen die Dinge über ihre Sinne, verarbeiten Trauer häufig durch Handeln, nicht nur durch Worte“, sagt Martina Zimmer. Sie selbst spricht daher lieber von einem Sinnespfad, der auf dem Friedhof entstehen soll. Klanghölzer in Bäumen sollen ein Hörerlebnis schaffen, ein naturbelassener Tisch mit zwei Bänken soll von den Kindern und Jugendlichen selbst bemalt werden dürfen.
Auch Bewegungselemente sind geplant: So soll eine Hügelkette zum Toben einladen und dabei zeitgleich veranschaulichen, dass der Weg – wie in der Trauer – mal beschwerlicher und mal leichter ist, es mal aufwärts und mal abwärts geht. Zum Balancieren soll ein aus Natursteinen geformter Fisch errichtet werden. „Ein Sinnbild dafür, auch im Leben wieder die Balance zu finden“, wie die Trauerbegleiterin sagt. „Einige brauchen eine stützende Hand dafür, andere wollen alleine ihren Weg machen, und manchmal braucht’s einfach etwas Übung, bis man sich nicht mehr umwerfen lässt“, erklärt Martina Zimmer.
Eine geeignete Freifläche für den Spielbereich ist noch in Abstimmung. Er soll aber Teil des 2023 angelegten Trauerwegs auf dem Friedhof werden. Die Kosten werden auf rund 6000 Euro geschätzt. Der Lions-Club Xanten hat den Initiatoren nun eine große Überraschung bereitet, als die Mitglieder am Dienstagabend bei einer Führung über den bereits bestehenden Trauerweg einen Spendenscheck in Höhe von 5000 Euro überreichten. „Damit hatten wir nicht gerechnet. Ich hatte richtig Pipi in den Augen“, sagt Martina Zimmer gerührt.
Lions-Club-Präsident Walter Huhn zeigte sich indes begeistert, „mit welcher Herzlichkeit der Trauerweg gestaltet ist“, wie er sagte. Besonders berührt waren die Mitglieder von dem Sternenkinderfeld, wo Kinder beigesetzt werden können, die vor der 24. Schwangerschaftswoche tot geboren wurden und unter 500 Gramm wiegen – damit nicht bestattungspflichtig sind. Die ehemalige Hebamme und ehrenamtliche Mitarbeiterin des Hospizdienstes, Katharina Wilmsen, hat es sich zur Aufgabe gemacht, Eltern von Sternenkindern zur Seite zu stehen. Sie brachte kleine Holzboxen zum Treffen mit dem Lions-Club mit, in denen die Sternenkinder beigesetzt werden, die mit Andenken befüllt und oft von Geschwisterkindern bemalt werden, wie sie erzählte.
„Es ist wichtig, für Kinder erlebbar zu machen, dass der Tod zum Leben gehört“, sagte Lions-Club-Präsident Walter Huhn. Schon mehrfach habe der Serviceklub die Palliativhilfe des Malteser-Hospizdienstes unterstützt. In dem geplanten Spielbereich sieht Huhn eine Möglichkeit, sich „diesem schwierigen Thema ohne Furcht“, sondern mit „viel Empathie und Hoffnung“ anzunähern sowie junge mit älteren Menschen in Verbindung zu bringen.
INFO Neue Stationen auf dem Trauerweg
Erweiterung Der Trauerweg auf dem Sonsbecker Friedhof ist 2023 mit neun Wegpunkten angelegt worden: Gefühlschaos-Wegweiser, Klage- und Hoffnungsmauer, Ginkgobaum, Sternenkinderfeld und Gedächtniswald, zudem Begegnungsplatz mit Trockenbachlauf, Labyrinth sowie Tafeln, die den Kreuzweg Jesu darstellen. Jüngst hinzugekommen ist die Station „Geben und nehmen“. Dort hängen Kreuze, die von den früheren Besitzern – Menschen, die verstorben sind – nicht mehr gebraucht werden. Sie dürfen bei Bedarf abgenommen und mit nach Hause genommen werden. Auch weitere Kreuze dürfen aufgehängt werden. Geplant ist, auch den Soldatenfriedhof in den Trauerweg einzubinden. „Die Themen Krieg und Verfolgung sind leider wieder sehr aktuell“, sagt Martina Zimmer.
Rheinische Post vom 10.06.2026 von Beate Wyglenda
